Um 1812 haben Weber in England Webstühle zerschlagen. Das war laut, sichtbar und verzweifelt. Sie sahen ihr Auskommen und ihren Platz in der Welt in Gefahr.
Heute zerschlägt keiner mehr Maschinen. Wir sind höflicher geworden. Das Gefühl dahinter ist aber dasselbe geblieben: die Angst, nicht mehr gebraucht zu werden.
Diese Angst sehe ich bei so vielen KI-Einführungen. In Meetings, in Freigabeschleifen und in Pilotprojekten, die nur zum nächsten Pilotprojekt führen.
Ich nenne so etwas „Verunmöglichungsrituale“: kleine Rituale, die leise dafür sorgen, dass nichts geht. Dazu kommt die ganz normale Trägheit, das Festhalten an „Das haben wir schon immer so gemacht“. Beides sieht nicht nach Widerstand aus. Und beides funktioniert bestens.
Heute zerschlägt keiner mehr Maschinen. Wir sind höflicher geworden.
Warum „Probiert’s einfach mal aus“ Angst machen kann
Die meisten Firmen führen KI als Einladung ein. Hier sind eure Lizenzen. Hier ist eine Schulung. Jetzt probiert mal.
Also probiert es jemand aus. Und merkt: Was früher eine Woche gedauert hat, ist in einem halben Tag erledigt.
Die Führung nennt das Effizienz. Wer selbst an der Tastatur sitzt, dem stellt sich eine Frage, die keiner laut ausspricht: Was ist mein Beitrag eigentlich noch wert?
KI geht tiefer als frühere Technik, weil sie mitten in die Wissensarbeit greift. Viele Marketer haben ihr berufliches Selbstverständnis auf Expertise gebaut: auf das Gespür für die richtigen Worte, auf Analyse. Jetzt liefert ein Tool Teile davon in Sekunden.
Die Frage bleibt unausgesprochen. Sie wirkt aber trotzdem. Man merkt sie am Zögern. Am Zynismus. An spitzer Skepsis, jedes Mal wenn die Maschine danebenliegt.
Wenn eine Firma über KI nur die Geschichte vom Tempo erzählt, hat die Angst kein Gegengewicht. Also wächst sie.
Veränderung geht an die Identität
Von Veränderung reden wir ständig. Für viele ist schon ein neuer Chef eine große Veränderung. Das macht ja was mit einem Menschen. Mit KI verschieben sich die Rollen überall gleichzeitig.
So etwas geht an die Identität. Und Identität spielt man nicht auf wie ein Software-Update.
Der Organisationsberater William Bridges hat beschrieben, was zuerst passieren muss. Etwas muss enden, bevor etwas Neues anfangen kann. Und ein Ende braucht Aufmerksamkeit. Es will benannt, gewürdigt, begangen und integriert werden.
Die Trauerforschung sieht das ähnlich. Gesunde Trauer kappt die Verbindung zum Verlorenen nicht. Sie verwandelt diese Verbindung und nimmt sie mit.
Im Marketingteam endet eine bestimmte Form von Expertise. Für viele heißt das: Den ersten Entwurf eines Textes oder einer Analyse schreiben sie nicht mehr selbst.
Was bleibt, ist genauso konkret: das Urteil darüber, was gut ist, das Wissen um den Kontext und die Beziehung zum Kunden. Genau das braucht es, um zu entscheiden, ob ein KI-Ergebnis trägt.
Eine Frage vor eurer nächsten KI-Schulung
Bevor die nächste Runde KI-Schulungen startet, würde ich einem Team erst mal eine Frage stellen:
Was hat uns die alte Arbeitsweise gegeben, das wir in die neue mitnehmen wollen?
Mit der Antwort ist ein Anfang gemacht. Richtig nachlassen wird die Angst, wenn eine Firma sagen kann, wohin sie will. Und wofür sie ihre Leute braucht, wenn sie dort ankommt.